<<<<

Der Landbote 11.04.2009

Romantik in Reinkultur

Virtuos und abwechslungsreich: Die Soir& classique des Musikkollegiums war eine angemessene und festliche Einstimmung auf das bevorstehende Osterfest.

WINTERTHUR - Eigentlich wurde der  tadthaussaal nicht als Konzerthaus gebaut. Dass seine Akustik für grosse Sinfonik ursprünglich nicht ideal war, wusste man schon lang, wie Direktor Thomas Pfiffner in seiner Begrtlssungsrede in  rinnerung rief. Deshalb ist in letzter Zeit Etliches zur Verbesserung des Saals unternommen worden,  nd weitere Optimierungen stehen bevor. In diesem Zusammenhang gab es am Vorabend des Grüfl donnerstages auch eine spezielle Novität: An der Rückwand des Podiums wurden Sitzreihen - für  esucher bereit ge'stellt, was deren Hörerlebnis für einmal sehr verändern sollte, da beim hinter Bläsern und Schlagwerk sitzenden Hörer der Gesamtklang der Musik natürlich modifiziert ankommt.
Virtuose Körpersprache
Dafür hatte diese Platzierung einen Vorteil, den das Normalpublikum im Saal nicht - oder doch viel weniger -geniesst: Man konnte für einmal von vorn erleben, wie ein Dirigent Seine Funktion ausübt, und das war just an diesem Abend eine speziell eindrückliche Erfahrung. Jeder Dirigent hat bekanntlich seine eigene Gebärdensprache, die vom strikten Minimum bei einem Maximum an Effizienz bis zum pantomimischen Extrem reicht, das eine optische «Zusatzinterpretation » liefert. Die Venezolanerin Gloria Isabel Ramos Triano ist eine imponierende Mehrfachbegabung: Sie hat Klavier und Cello, dann Kapellmeister studiert, komponiert auch und – das war offensichtlich und übrigens auch von der Saalmitte her geradezu überwältigend zu erleben - hat eine Körpersprache von kunsteisläuferischer Virtuosität. Zunächst vereinte sie ihr Können mit demjenigen der holländischen Geigerin Yvonne Smeulers für eine respektgebietende Wiedergabe des fünften Violinkonzertes von Henri Vieuxtemps, der nach Paganini und vor Sarasate einer der ganz grossen Geigersolisten im 19. Jahrhundert war und dementsprechend Soloparte von funkelnder Bravour für sein Instrument ersann. Geradezu als «ausgleichende Gerechtigkeit» mutet es an, dass er eine umfassende Orchesterexposition vorausschickt, in der wirkungsvolles Themenmaterial präsentiert wird, mit deren temperamentvoller Wiedergabe die Dirigentin ihre gute Zusammenarbeit mit dem-Musikkollegium sofort unter Beweis stellte. Dann liess die Solistin ihre wunderbare Guadagnini-Geige melodisch, expressiv und mit einem beeindruckenden Durchhaltevermögen aufklingen - denn von nun an war sie fast unterbruchslos am Werk, führend, integrierend und vor allem ausschmückend, und in der Solokadenz konnte sie zusätzlich eigene Fantasie und kreative gestalterische Initiative mit gelegentlich zauberhaften Pianissimi entfalten. Als Zugabe folgte diesem Feuerwerk ein von starker Expressivität erfülltes Konzertstück von Tschaikowsky, klangschön und von beiden Damen und dem Orchester einfühlsam ausgestaltet. Und dann spross, blühte und funkelte die C-Dur-Sinfonie des 17-jährigen Bizet heran - vor lauter Jugendlichkeit zu Beginn vielleicht ein bisschen gar zu stürmisch angepackt (nur Allegro vivo, nicht prestissimo), dann aber in den Charakteristika aller 11U,dL,benaIUrtltIeBd(OlI vier Sätze bestens erfasst. Wunderbar etliche Bläsersoli, geistvoll das spritzige Scherzo, immer wieder betörend schön die melodischen Inspirationen, in die der junge Bizet sich selber verliebt hat und die auch bei vielen Wiederholungen immer von Neuem entzücken. Ein festlicher Auftakt zum Osterfest! RITA WOLFENSBERGER

<<<<

Review-Landbote.jpg